Dorn-”Therapie”
oder die Entmystifizierung der Theorie vom angeblichen
Beckenschiefstand als Folge einer Hüftgelenksluxation

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Ist Ihnen dieser Text zu lang? HIER erfahren Sie das Wesentliche in wenigen Worten!
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Liebe Besucher dieser Web-Site,

immer wieder werden wir von Patienten gefragt, ob zu unserem Leistungsangebot auch die sog. “Dorn-Methode” gehört. Früher haben wir noch laut gelacht, wenn derlei Anliegen an uns herangetragen wurden. Inzwischen sind wir es jedoch leid, immer wieder erklären zu müssen, warum wir diese Methode nicht anwenden bzw. deren Anwendung sogar strikt ablehnen. Von einem Kollegen aus Barsinghausen habe ich sogar erfahren, dass dort einige Ärzte die Dorn-Methode ausdrücklich auf Rezept verordnen, weil sie fälschlicherweise davon ausgehen, dass es sich hierbei um eine verordnungsfähige und besonders sanfte Behandlungstechnik handeln würde. Da hier Aufklärung dringend Not tut, wir diese Aufklärung aber aus Zeitgründen nicht immer wieder in der gebotenen Ausführlichkeit in unserer Praxis durchführen können, habe ich diese Zeilen zu Ihrer Information im Internet veröffentlicht.

Bei der Dorn-Methode (Den Begriff “Therapie” möchte ich in diesem Zusammenhang bewußt vermeiden) handelt es sich um eine Behandlungsmethode, die auf den Sägewerks-Besitzer Dieter Dorn aus dem Allgäu zurückgeführt wird. Die Dorn-Methode wird von ihren Anwendern auch gern als besonders “sanfte Wirbelsäulen-Therapie nach Dorn” bezeichnet. Zumindest im Vergleich zu so mancher Hau-Ruck-Einrenkerei kann man diesen Standpunkt durchaus vertreten, bei näherer Betrachtung erscheint dies zumindest dennoch zweifelhaft. So traktieren etwa viele Anwender der Dorn-Methode die Wirbelsäule ihrer Patienten unter Zuhilfenahme von Holzwerkzeugen, wenn sie mit der Kraft ihrer Hände allein nichts ausrichten können.

Da es sich hier um eine Methode ohne rationalen Hintergrund handelt, deren Wirksamkeit bis heute noch in keiner klinischen Studie belegt wurde, kann sie natürlich nicht ärztlich verordnet und zu Lasten einer Krankenkasse durchgeführt werden. Für die Anwender der Dorn-Methode ist dies jedoch eher ein Vorteil, da sie hierdurch nicht der engen Begrenzung ihrer Behandlungshonorare durch das rigide System der gesetzlichen Krankenkassen unterworfen sind. Dies erklärt auch den Umstand, dass die Honorarforderungen der Dorn-Anwender regelmäßig ein Mehrfaches dessen ausmachen, was Angehörige staatlich anerkannter Heil- und Heilhilfsberufe für ihre Leistungen in Rechnung stellen.

Im Gegensatz zur mehrjährigen Ausbildung innerhalb eines der anerkannten medizinischen Berufsbilder kann die Dorn-Methode in eintägigen Seminaren von jedermann erlernt werden, ohne dass hierzu irgendwelche medizinischen Kenntnisse vorausgesetzt werden. Selbst die Dozenten der Dorn-Methode sind regelmäßig medizinische Laien, die bestenfalls über einen Heilpraktikerschein verfügen. Garniert mit einigen aus dem Zusammenhang herausgerissenen “Leihgaben” aus der traditionellen chinesischen Medizin wird die Dorn-Methode inzwischen auch in zwei- oder mehrtägigen Kursen unterrichtet. Essenzen anderer Konzepte sollen hier dem inhaltsarmen Konzept der Dorn-Methode zu einem profunderen Erscheinungsbild verhelfen. Um Ihnen ungefähr einen Vergleich zwischen der Dorn-Methode und einem international anerkannten Konzept der Physiotherapie bieten zu können, sollten Sie wissen, dass beispielsweise zur Erlangung der Befähigung zur Ausübung der Manuellen Therapie eine Fortbildung mit einem Umfang von 260 bis 350 Stunden (je nach Ausbildungsinstitution) und das Bestehen einer mehrteiligen Prüfung erforderlich ist. Diese Ausbildung steht nur denjenigen Personen offen, die zuvor ihr Staatsexamen als Physiotherapeut nach mehrjähriger Ausbildung erfolgreich bestanden haben. 

Sehr gern wird die Dorn-Methode übrigens im Zusammenhang mit der sog. Breuss-Massage gelehrt. Bei letzterer wird dem leichtgläubigen Patienten suggeriert, dass das Johaniskrautöl, welches man ihm in den Rücken einmassiert, durch alle Gewebsschichten (einschließlich Rückenmuskulatur, knöcherne Anteile der Wirbelbogengelenke, Rückenmarkskanal, Bandapparat der Wirbelsäule) bis in die Tiefe der Bandscheiben vordringen soll, in welche es hineindiffundieren und diese so anschließend von innen heraus vor dem Austrocknen schützen soll. Angesichts der Tatsache, dass es keine anatomische Struktur, geschweige denn irgendwelche Blutgefäße gibt, die die Hautoberfläche in direkter Linie mit den Bandscheiben verbindet und das die Bandscheiben umgebende Bindegewebe in keiner Weise die Eigenschaft besitzt, Johanniskraut auf dem Diffusionsweg passieren zu lassen, zeugen solche Vorstellungen von einer abgrundtiefen Unkenntnis über physiologische und anatomische Grundlagen. Gerade deren Beherrschung ist jedoch unabdingbare Voraussetzung zur Ausübung jeglicher Heilkunde. Ist die Dorn-Methode für sich allein betrachtet schon äußerst fragwürdig, stellt sie in Kombination mit der Breuss-Massage derzeit den Gipfel des Absurden auf unserem schillernden Gesundheitsmarkt dar.

Als außerordentlich bedenklich empfinde ich es, dass einer der Berufsverbände der Masseure und Med. Bademeister, der VPT, Kurse in der Dorn-Methode anbietet. Er tut dies offensichtlich, um hierdurch an der gegenwärtigen Nachfragesituation wirtschaftlich partizipieren zu können, denn mit ihren vielfältigen Fortbildungsangeboten erzielen die Berufsverbände erhebliche Umsätze. Auf der Fachmesse “medica” in Düsseldorf wurde mir 2004 von einem VPT-Funktionär bestätigt, dass man mit der Dorn-Methode im Augenblick “richtig Kasse machen” könne, da die Patienten bereit seien, fast jeden Preis für eine Dorn-Behandlung zu zahlen. Solche Worte ausgerechnet aus dem Mund eines VPT-Funktionärs hören zu müssen, ist zutiefst schockierend. Den Schaden, den der VPT hierdurch für das Ansehen des eigentlich sehr ehrenwerten Berufsbildes des Masseurs und medizinischen Bademeisters anrichtet, vermögen die verantwortlichen Verbandsfunktionäre offenbar gar nicht abzusehen.

Die aktuelle Nachfrage nach der Dorn-Methode ist auf ihre mehrfache Thematisierung in der Fernseh-Talkshow “Fliege” zurückzuführen. Man mag sich schon fragen, warum wohl der Fernsehpfarrer Fliege gleich dreimal hintereinander in kurzer Folge dieses Thema aufgriff, als ob es nicht genügend andere Themen gäbe. Wenn man allerdings bedenkt, dass Jürgen Fliege zugleich als Redner auf Veranstaltungen der Dorn-Anwender auftritt, liegt die Vermutung nahe, dass er durchaus nicht uneigennützig bei der Wahl seiner Themen agierte. Es ist bedauerlich, dass der verantwortliche Fernsehsender Herrn Fliege nicht schon früher vor die Tür setzte. Es wäre das Mindeste an Erfüllung der Sorgfaltpflicht gewesen, hätten die Programmverantwortlichen bereits vor der Präsentation der Dorn-Methode Erkundigungen bei medizinisch geschulten Fachleuten einholen lassen und dem Fernsehpublikum diese drei offensichtlichen PR-Veranstaltungen durch Herrn Fliege erspart. Wie so oft, ging es allein um die reine Sensationsberichterstattung mit dem Ziel möglichst hoher Einschaltquoten. So wurden Millionen von gutgläubigen Zuschauern völlig kritiklos den Dorn-Werbeveranstaltungen bei Fliege ausgesetzt und die Methode vor einem breiten Publikum salonfähig gemacht. In der letzten dieser drei Talk-Shows trat der ansonsten eher medienscheue Namensgeber der Methode, Dieter Dorn, sogar persönlich auf, um dem Fernsehpublikum die anscheinend verblüffende Wirksamkeit seiner Methode zu präsentieren. Dieter Dorn erläuterte hierbei seine Theorie, dass ein Großteil der heutigen Rückenleiden darauf zurückzuführen sei, dass es regelmäßig zu einem Herausrutschen eines der Hüftgelenke aus der Gelenkpfanne kommen würde, woraus eine Beckenschiefstellung resultieren würde. Auf der Internetseite www.dorntherapeuten.de kann man sogar nachlesen, dass der Hüftkopf nach der festen Überzeugung der Dorn-Anwender bei ganz banalen Tätigkeiten wie etwa dem Übereinanderschlagen der Beine oder einfachem Autofahren um bis zu vier cm (!) aus der Gelenkpfanne herausrutschen würde. Ich gehe davon aus, dass die Verantwortlichen dieser Website diesen peinlichen Passus eines Tages klammheimlich löschen werden, denn inzwischen macht sich fast die ganze medizinische Fachwelt schon allein wegen dieser Theorie über das hinter der Dorn-Methode stehende Denkmodell lustig. Sollten Sie daher diese Darstellung auf der o.g. Website nicht mehr finden können, kann ich Ihnen gern einen Screenshot dieser Veröffentlichung per E-Mail zukommen lassen.

Um Dieter Dorns Theorie von der Beckenschiefstellung zu belegen, wurde einer der bei “Fliege” anwesenden Studiogäste auf die Bühne gebeten und vor dem staunenden Publikum von Herrn Dorn persönlich “untersucht”. Hierzu wurde der Studiogast  (den ich hier der Einfachheit halber “Patient” nenne)  gebeten, sich auf eine Liege zu legen, über der eine Fernsehkamera angebracht war. Der Fernsehzuschauer konnte hier deutlich erkennen, dass eines der Beine des Patienten tatsächlich länger als das andere erschien! Dieter Dorn nahm nun das vermeintlich längere Bein, beugte es unter gleichzeitigem Gewackel in der Hüfte maximal an den Oberkörper des Patienten heran, legte es anschließend wieder neben dem anderen Bein ab und erklärte die Hüfte für korrigiert und den Patienten für geheilt! Unter dem Applaus der Studiogäste konnte sich jeder auf dem Fernsehschirm selbst davon überzeugen, dass nun tatsächlich beide Beine wieder die gleiche Länge hatten! Dieter Dorn erläuterte hierauf seine bereits erwähnte Theorie vom Hüftkopf, der aus der Gelenkpfanne gerutscht und von ihm nun wieder in dieselbe zurück befördert worden sei. Rückendeckung erfuhr Herr Dorn ausgerechnet durch einen im Publikum anwesenden Orthopäden, der sich voll des Lobes über den demonstrierten Behandlungserfolg zeigte. Fachleute mögen sich über die Stellungnahme des Orthopäden gewundert haben, da er schon von berufswegen schlichtweg wissen muss, dass ein einfaches Herausrutschen des Hüftgelenkes aus der Gelenkpfanne anatomisch unmöglich ist. Insider wissen jedoch, dass inzwischen selbst viele Ärzte die Dorn-Methode als sog. “IGEL-Leistung” für Selbstzahler anbieten, um sich an der von der Fliege-Talkshow geschürten Leichtgläubigkeit vieler Patienten ebenfalls bereichern zu können. Ebenso dürfte es sich auch bei diesem Orthopäden verhalten haben, denn anders läßt es sich nicht erklären, dass ein studierter Orthopäde den Denkfehler, der hinter dem Irrglauben vom angeblich luxierten Hüftgelenk steckt, nicht sofort als solchen erkannt haben will.

Nach dieser vom Fernsehpublikum als hochqualifizierte medizinische Heilkunst empfundenen Präsentation gab Dieter Dorn noch eine Empfehlung zur Selbstbehandlung für alle Menschen zum Besten, die nach einer längeren Autofahrt über Schmerzen in der unteren Lendenwirbelsäule klagen. Hierzu solle man sich - so Dieter Dorns persönliche Empfehlung - rücklings auf die Motorhaube seines Autos legen, so dass die Beine und auch das Becken freischwebend über die Motorhaube hinausragen. Um nicht von der Motorhaube abzurutschen, solle man sich an der fensterseitigen Kante der Motorhaube festhalten. Anschließend solle man beide Knie maximal an die Brust heranziehen und danach wieder ruckartig über die Motorhaube hinaus zurückschleudern. Durch diese Methode könne man, so Dieter Dorn bei “Fliege”, Rückenschmerzen sofort beseitigen!

Liebe Leserinnen und Leser dieser Zeilen, ich kann Sie nur eindringlich davor warnen, eine solche “Selbstbehandlung” tatsächlich auszuprobieren, denn die sofortige Beseitigung der Rückenschmerzen könnte die Folge einer Querschnittlähmung sein! Etwa 8 % der Bevölkerung leiden an einer angeborenen knöchernen Instabilität der Wirbelsäule, aus der sich unter ungünstigen Bedingungen ein “Gleitwirbel” (Fachbegriff: Spondylolisthese) entwickeln kann. Mindestens bei diesen Menschen besteht bei der Anwendung der von Dieter Dorn vorgeschlagenen Methode ein extrem erhöhtes Verletzungsrisiko, welches schlimmstenfalls eine Querschnittlähmung nach sich ziehen kann. Für die anderen 92 % der Menschen ist Dorns Therapievorschlag nicht ganz so gefährlich; das Spektrum der möglichen Nebenwirkungen wird sich hier auf Nervenwurzelkompressionen, Wirbelgelenkstauchungen, Überdehnung der Bänder oder einfach nur einer Zerrung der Bauch- oder Brustmuskulatur beschränken. Im Falle einer Osteoporose können Sie hier jedoch durchaus mit Wirbel- und Rippenbrüchen rechnen!

Doch nun zurück zu unserem Beispiel mit der Beinlänge: Wie kommt es, dass Dieter Dorn die Beinlängendifferenz des Patienten mit nur einem einzigen Handgriff korrigieren konnte? Um Ihnen dies Verständlich zu machen, erlauben Sie mir bitte einen kleinen Ausflug in die menschliche Anatomie:

Das angeblich aus der Gelenkpfanne herausrutschende Hüftgelenk hat seinen Ausgangspunkt am Beckenknochen, genauer gesagt an einer der beiden Beckenhälften. Zusammen mit dem Kreuzbein bilden unsere beiden Beckenhälften den Beckengürtel. Dieser ist an seiner Rückseite über zwei Gelenkflächen mit der rechten und linken Seite des Kreuzbeines verbunden, wo sie das sog. “Kreuz-Darmbeingelenk” (Fachbegriff “Ilio-Sacralgelenk”, abgeleitet aus den lateinischen Begriffen “Ilium” für Darmbein und “Sacrum” für Kreuzbein) bilden. Das Kreuzbein selbst bildet das untere Fundament unserer Wirbelsäule und besteht selbst aus mehreren miteinander verwachsenen Wirbeln. Auf der Vorderseite der Beckenhälften besteht keine klassische Gelenkverbindung, sondern ein mechanischer Zusammenhalt durch einen starken aber elastischen Gelenkknorpel am Ende des vorderen Schambeinastes.
Die Gelenkpfannen der Hüftgelenke befinden sich an der unteren Außenseite der beiden Beckenhälften. Die Gelenkköpfe sitzen tief im Inneren der sie zu einem großen Anteil umgebenden Gelenkpfanne. Diese Gelenkverbindung ist außerordentlich stabil, ja sie ist sogar die stabilste unseres Körpers. Gewähleistet wird diese Stabilität nicht nur durch die umgebende Muskulatur, sondern vor allem durch einen sehr starken und spiralförmig angelegten Bandapparat. Außerdem ist der Hüftkopf noch mit einem weiteren Band mit der Hüftgelenkspfanne verbunden, in welchem sich auch die ihn versorgenden Blutgefäße befinden. Für zusätzliche Stabilität sorgt ein physiologischer Unterdruck im Inneren des durch seine Gelenkkapsel hermetisch nach außen abgeschlossenen Gelenkes. Der Unterdruck in unserem Hüftgelenk ist derart hoch, dass es selbst bei vollnarkotisiertem Patienten bei Implantation eines künstlichen Hüftgelenkes zweier kräftiger Chirurgen bedarf, um dieses Gelenk nach chirurgischer Eröffnung der Gelenkkapsel überhaupt aus der Pfanne herauslösen zu können! Ansonsten ist eine Entfernung des Hüftkopfes aus der Gelenkpfanne - also eine Hüftluxation - nur bei schwerster, traumatischer Einwirkung möglich. Dies allein widerlegt schon die These der Dorn-Anwender, das Hüftgelenk könne bei normalen Alltagsbewegungen einfach aus der Gelenkpfanne herausrutschen und so für einen Beckenschiefstand verantwortlich sein. Unter rein biomechanischen Gesichtspunkten kann man sich eine Entfernung des Hüftkopfes von seiner Gelenkpfanne lediglich im Millimeterbereich erklären und auch dies nur unter Gewalteinwirkung von außen.

Wodurch kommt es dann zu der Beinlängendifferenz, deren angebliche Spontanheilung doch Millionen von Fernsehzuschauern mit eigenen Augen live mitverfolgen konnten? Nun, auch um dies zu verstehen, bedarf es einiger Grundkenntnisse der menschlichen Anatomie. Grundkenntnisse, die den Anwendern der Dorn-Methode offensichtlich nicht geläufig sind:
Das Becken besitzt durch seine oben erwähnten Verbindungen zwar keine große Beweglichkeit aber dennoch eine gewisse Elastizität, die wir vor allem benötigen, um von außen einwirkende Kräfte, wie sie beispielsweise beim Laufen auftreten, besser absorbieren und dadurch von unserer Wirbelsäule fernhalten zu können. Diese Elastizität ist es, die auch eine gewisse Verdrehung des Gelenkes in verschiedene Richtungen erlaubt. Auslöser für diese Verdrehung ist insbesondere die Zugwirkung der hier verlaufenden Bänder und großen Muskelgruppen der Hüfte, wobei ich mich in dieser verkürzten Darstellung auf die Muskeln beschränken möchte, die im Hüftgelenk eine Beugung bzw. Streckung ermöglichen. Diese Muskeln gehören zu den mit Abstand stärksten Muskeln unseres Körpers. Auf der Vorderseite, bzw. im Innenraum des Beckens liegen die Beugemuskeln, die das Bein in der Hüfte nach vorn anheben. Diese Muskeln sind sowohl innen an der Beckenschaufel, als auch an der Vorderseite der Lendenwirbelsäule angewachsen und verlaufen durch ein kräftiges Band in der Leistenbeuge hindurch zum oberen Teil des Oberschenkels. Auf der Rückseite befindet sich die Steckmuskulatur der Hüfte, welche im Gegensatz zur Beugemuskulatur von außen gut sichtbar ist. Es handelt sich um diejenige Muskulatur, auf welcher Sie wahrscheinlich in diesem Augenblick sitzen, während Sie diese Zeilen lesen.
Bedingt durch die anatomische Lage dieser Muskelgruppen haben diese einen entscheidenden Einfluß auf die Stellung der beiden Beckenhälften bzw. auf deren Bewegung. So bewirken die Beugemuskeln eine Kippung des Beckens nach vorn, die Sreckmuskeln hingegen eine Aufrichtung des Beckens bzw. eine Drehung nach hinten. Je nach Aktivität der Hüftmuskeln können unter diesem Einfluß unterschiedliche Positionen der einen oder anderen Beckenhälfte resultieren.

Rufen wir uns nun wieder unter Einbeziehung dieser anatomischen Kenntnisse den von Dieter Dorn im Fernsehen “geheilten” Patienten in Erinnerung. Was ist mit diesem Patienten tatsächlich passiert? Nun, die Lösung ist ganz einfach: Der Patient wurde von Herrn Dorn aufgefordert, sich in Rückenlage auf eine Therapieliege zu legen. Der Bewegungsablauf des Hinlegens verlief bei unserem TV-Patienten genauso wie bei fast jedem von uns, der aufgefordert wird, sich auf eine Liege zu legen: Zunächst legte der Patient eines seiner Beine auf die Therapieliege, legte sich dann auf den Rücken und zog anschließend das andere Bein nach, um es neben dem ersten Bein abzulegen. Betrachten wir diesen Bewegungsablauf unter dem Aspekt der jeweiligen Muskelaktivität der Hüfte, so können wir feststellen, dass der Patient sich, nachdem er das erste Bein abgelegt hatte, mit der Ferse dieses Beines auf der Bank abstützte. Hierdurch kam es in diesem Bein zu einer erhöhten Aktivität der Hüftstreckmuskulatur. Wie Sie nun bereits wissen, dreht die Hüftstreckmuskulatur die zugehörige Beckenhälfte in eine relative Position nach hinten, bzw. in eine Beckenaufrichtung. Die Aufrichtung dieser Beckenhälfte hat zur Folge, dass das zugehörige Hüftgelenk durch die Drehung des Beckens weiter nach oben wandert. Ich möchte hierbei betonen, dass Hüftgelenkspfanne und Hüftgelenkskopf diese Bewegung gemeinsam durchführen und nicht etwa der eine Teil den anderen verläßt, wie es sich nach der Vorstellung der Dorn-Anwender abzuspielen scheint. Nachdem sich der Patient also mit dem einen Bein auf der Liege abstützt, hebt er anschließend sein anderes Bein auf die Liege. Dies tut er unter Einsatz der Hüftbeugemuskulatur dieses Beines. Die muskuläre Aktivität dieser Seite stellt also das genaue Gegenteil der anderen Seite dar, da hier nun unter der Zugwirkung der Beugemuskulatur die Beckenhälfte dieser Seite in eine Kippung nach unten gerät. Das zugehörige Hüftgelenk wandert also - räumlich betrachtet - in diesem Fall als logische Folge der Beckenbewegung ebenfalls weiter nach unten und zwar auch wieder mit beiden Gelenkanteilen, Hüftgelenkskopf und Hüftgelenkspfanne.

Das Ergebnis dieser einfachen biomechanisch asymmetrischen Beeinflussung des Beckens konnte der Zuschauer bei unserem Patienten am Fernsehschirm in Form zweier scheinbar unterschiedlich langer Beine live miterleben. Alles, was der Begründer der Dorn-Methode, Dieter Dorn nun im Fernsehen tat, war eine Beugung des “längeren” Beines an den Oberkörper des Patienten heran, wodurch die Beckenhälfte dieser Seite nun in die gleiche Position gebracht wurde, wie das Becken der anderen Seite. In logischer Konsequenz erschienen die tatsächlich gleichlangen Beine jetzt auch für den Fernsehzuschauer in gleicher Länge. Auf der Grundlage seiner reduzierten Vorstellung von der menschlichen Anatomie glaubte Herr Dorn natürlich tatsächlich, dem Patienten sein aus der Pfanne herausgerutschtes Bein wieder in die Gelenkpfanne gedrückt zu haben.

Herrn Dorn kann man für sein Handeln sicher keinen Vorwurf machen. Er wußte es einfach nicht besser und als Sägewerksbesitzer muss er es eigentlich auch nicht wissen, denn es gehört in der Regel nicht zum täglichen Brot eines Sägewerksbesitzers, sich um die Belange schmerzgeplagter Rückenpatienten kümmern zu müssen. Anders verhält es sich allerdings bei solchen Mitmenschen, die nach einer fundierten medizinischen Fachausbildung, sei es als Arzt oder als Physiotherapeut über eine umfassende Kenntnis in Anatomie und Biomechanik verfügen sollten. Wer einer dieser Berufsgruppen angehört und dennoch die Dorn-Therapie anwendet, beweist hiermit nicht unbedingt, dass er ein Meister seines Faches ist. Andererseits muss man auch eingestehen, dass es durch die Einschnitte in die medizinische Versorgung durch die Krankenkassen und die Kassenärztlichen Vereinigungen drastische finanzielle Einbußen bei vielen Therapeuten gegeben hat und manchem in dieser Not jedes Mittel recht zu sein scheint, seinen Umsatzrückgang zu kompensieren. Was liegt da näher, als eine Therapie anzubieten, die im Moment “en Vogue” ist und für die viele Menschen bereit sind, sehr viel Geld zu bezahlen? Der glückliche Umstand, dass man zur Erlernung der Dorn-Methode nur einen einzigen Tag investieren muss, kommt diesen Schmalspur-Therapeuten zusätzlich noch sehr entgegen!

Selbstverständlich haben auch die Dorn-Anwender ihre Behandlungserfolge, die sie in diversen Internet-Foren (z.B. unter www.physio.de) tapfer mit dem Slogan “Wer heilt, hat Recht!” in Ermangelung sachlicher Argumente verteidigen. Ihre Erfolge kann diesen Dorn-Anwendern auch niemand absprechen, denn die Erfolgsquote der Dorn-Methode liegt in etwa so hoch, wie bei jedem anderen Placebo auch. Bedenklich wird es aber vor allem für jene Patienten, die unter komplexen Störungen der Wirbelsäule leiden, von deren spezifischer Problematik Dorn-Anwender in aller Regel nicht den Funken einer Ahnung haben. Mag die Dorn-Methode bei rein psycho-somatisch bedingten Gesundheitsstörungen zumindest bei leichtgläubigen Patienten Wirkung zeigen, birgt ihre Anwendung bei vielen echten Funktionsstörungen der Wirbelsäule ein nicht abschätzbares Gefahrenpotential und erfüllt bestenfalls zumindest den Tatbestand der unterlassenen Hilfeleistung auf Seiten der Therapeuten, die es eigentlich besser wissen müßten. Eine ältere Dame, welche ich vor einigen Jahren in meiner Praxis behandelt habe, durfte dies am eigenen Leib schmerzlich erfahren, als ihr von ihrem eigenen Ehemann unter der fachkundigen Anleitung eines Heilpraktikers auf einem gemeinsam besuchten Dorn-Kurs die Wirbelsäule um fast 10 mm in den Bauchraum hinein verschoben wurde. Die arme Dame mußte noch am gleichen Tag notfallmäßig in die Orthopädie der Städtischen Kliniken in Frankfurt-Höchst eingeliefert werden, nachdem der Heilpraktiker zuvor mit fester Überzeugung verkündet hatte, es gäbe keinerlei Kontraindikationen bei der Anwendung der Dorn-Methode!

Überhaupt sind es vielfach Heilpraktiker, die zu den Anwendern der Dorn-Methode zählen. Wenngleich es unter den Heilpraktikern zahlreiche hochqualifizierte Therapeuten mit profundem Fachwissen gibt, darf man nicht außer Acht lassen, dass der Besitz eines Heilpraktikerscheins nicht zwangsläufig bedeutet, dass deren Inhaber über medizinische Fachkenntnisse verfügt. Es ist noch gar nicht so lange her, dass man, um Heilpraktiker werden zu können, lediglich die Symptome meldepflichtiger Krankheiten beim Amtsarzt aufsagen mußte, um so den Nachweis zu erbringen, dass man mit seiner Ausübung der Heilkunde keine Gefahr für die Volksgesundheit darstellt. Viele der heutigen Heilpraktiker rekrutieren sich leider noch aus dieser großen Gemeinde der Heiler ohne echtes Fachwissen, was deren Vorliebe für einfache Patentrezepte und esoterisch angehauchte Wunderheilmethoden erklären mag.

Unter diesem Aspekt muss man auch die vielfachen Modifikationen der Dorn-Methode sehr kritisch betrachten. So versucht sich beispielsweise der Heilpraktiker Burkhard Hock mit der nach ihm selbst benannten “Dorn-Hock-Methode” auf dem Gesundheitsmarkt zu etablieren. Herr Hock akzeptiert immerhin, dass die von den Dorn-Anwendern vertretene These des Beckenschiefstandes durch ein luxiertes Hüftgelenk unsinnig ist. Er hat sich die seit Jahren in zahlreichen öffentlichen Diskussionen vorgebrachten Kritikpunkte an der Dorn-Theorie über die Beinlängendifferenz zu eigen gemacht und hieraus sein eigenes Behandlungsschema abgeleitet, welches immerhin die Möglichkeit einer Verdrehung des Beckens in die vordere oder hintere Position als Erklärung für die unterschiedlichen Beinlängen in Betracht zieht. Dies allein ist aber nicht sein Verdienst, denn die entsprechenden Erklärungen kann jederman seit Jahren in der Internet-Diskussion über die Dorn-Methode nachlesen. Leider übersieht auch Herr Hock, dass es sich bei diesen Beckenpositionen nicht zwangsläufig um pathologische Befunde des Beckens (genauer: des Ilio-Sacral-Gelenkes) handeln muss, sondern durchaus eine auf der Grundlage meiner oben ausgeführten Erklärungen entstandene biomechanisch bedingte Momentaufnahme vorliegen kann, die keinerlei Behandlung bedarf. Sofern dennoch pathologische Befunde, wie etwa die Blockierung eines Ilio-Sacralgelenkes vorliegen, sind auch die von Herrn Hock propagierten Behandlungsgriffe nicht geeignet, diese zu lösen. Allein funktionell bedingte Beckenschiefstände - welche einen physiologischen Zustand darstellen - lassen sich mit der Dorn-Hock-Methode kurzfristig beheben, ohne dass sie jedoch behandlungsbedürftig wären, da sie sich spätestens nach der nächsten größeren Bein- oder Beckenbewegung von selbst wieder einstellen und im Übrigen keinerlei Pathologie darstellen. Dass Herr Hock in seinen Seminaren für fortgeschrittene “Dorn-Hock-Therapeuten” gleichfalls die schon oben erwähnte Breuss-Massage einbezieht, unterstreicht die generelle Skepsis an seiner Methode gleichermaßen, wie die von ihm praktizierten Techniken zur Lösung einer von ihm diagnostizierten angeblichen Blockierung eines Ilio-Sacralgelenkes. 

Ich hoffe, liebe Leserinnen und Leser dieser Zeilen, Sie werden jetzt verstehen, warum mein Team und ich nicht bereit sind, die Dorn-Methode oder jedwedes artverwandtes Konzept in unser Leistungsangebot aufzunehmen und uns statt dessen auf jene Methoden verlassen, denen wir auf der Grundlage nachgewiesener Wirkmechanismen unser Vertrauen schenken. Es mag schade um das viele Geld sein, welches uns durch die Nichtanwendung der Dorn-Methode “durch die Lappen” geht. So aber können wir uns wenigstens selbst im Spiegel noch in die Augen sehen, ohne vor Scham im Boden versinken zu müssen!

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine gute Gesundheit und die nötigen Abwehrkräfte gegenüber der Versuchung, Ihr Geld für überflüssige Therapiemaßnahmen aus dem Fenster hinauszuwerfen!

Herzlichst,       Michael Lierke      

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