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Eisbehandlung
Eine kritische Hinterfragung alter Gewohnheiten

Um eines gleich klarzustellen: Die Behandlung mit Eis führt bei einer bestehenden Verletzung in den allermeisten Fällen mittelfristig eher zu einer Verschlechterung, als zu einer Verbesserung des Heilungsprozesses. Schuld hieran ist vor allem die weit verbreitete Unkenntnis über physiologische Abläufe und das beharrliche Festhalten an zwar etablierten, wissenschaftlich aber nicht begründeten Vorgehensweisen bei der Eisbehandlung. Wie und warum Eisbehandlung - richtig angewendet - dennoch einen positiven Effekt auf den Heilungsprozeß haben kann, möchte ich Ihnen im Folgenden darlegen.

Da sich diese Veröffentlichung insbesondere an betroffene Patienten und weniger an medizinisch geschulte Fachleute wendet, habe ich einzelne Zusammenhänge etwas vereinfacht dargestellt. Dennoch hoffe ich, dass auch aus dem letztgenannten Personenkreis der eine oder andere Leser einige Anregungen für seine tägliche Arbeit mitnehmen und künftig zum Wohl seiner Patienten umsetzen kann. 

Die Frage nach dem Wie und Warum der Eisbehandlung wird in medizinischen Fachkreisen immer wieder kontrovers diskutiert. Wie ist die richtige Temperatur, Anwendungsdauer und Anwendungsart? Welche Wirkung soll durch die Eisbehandlung erzielt werden? Eigentlich sollte man davon ausgehen, dass über eine seit Generationen gebräuchliche Therapie allgemeiner Konsens bestehen müßte, da ihre Anwendung auf der Grundlage wissenschaftlich begründeter Standards erfolgen sollte. Das Gegenteil ist leider der Fall! Konfrontieren Sie zehn Therapeuten, Ärzte, Krankenschwestern oder sonstige im Gesundheitswesen Tätige mit den vorgenannten Fragen und Sie finden kaum zwei Befragte, deren Aussagen über Temperatur, Anwendungsdauer und Art der Eisanwendung übereinstimmen! Die wenigsten wissen überhaupt, mit welcher Temperatur sie ihre Patienten behandeln und rechtfertigen ihr Tun allein mit Pauschalaussagen wie “Das haben wir schon immer so gemacht und es hat unseren Patienten immer geholfen!” 

Unbestritten ist, dass viele Patienten im Moment der Kälteanwendung eine Reduzierung ihrer Schmerzen erfahren. Dies bedeutet aber nicht zwangsläufig, dass die Wirkung der Kälte auch in Bezug auf den Heilungsverlauf positiv sein muss. Schmerz allein ist nur einer der zu beachtenden Faktoren. Mindestens ebenso wichtig ist die Wirkung der Behandlung auf die Blutversorgung der betroffenen Region. Letztlich entscheidet allein die richtige Handhabung von Anwendungsdauer und -temperatur über Erfolg oder Misserfolg der Eisbehandlung.

Um diese Parameter richtig bestimmen zu können, sollte man sich zunächst die physiologischen Abläufe vor Augen halten, die durch die Applikation von Kälte zu erwarten sind. Am besten wurden die Reaktionsabläufe des Körpers auf die Einwirkung von Kälte durch den Wissenschaftler HUNTING in den drei sog. “Hunting’schen Gesetzen” (Hunting reactions) beschrieben, die ich hier in verkürzter Form wiedergeben möchte:

1. Gesetz von Hunting:
Wirkt ein Kältereiz auf die Körperoberfläche ein, so schützt sich der Körper in einer Sofortreaktion vor der Gefahr eines Wärmeverlustes, indem er die lokalen arteriellen Gefäße verengt, um auf diese Weise deren Kontaktfläche zum einwirkenden Kältereiz zu minimieren.

2. Gesetz von Hunting:
Dauert die Einwirkung des Kältereizes nach der ersten Schutzreaktion weiter an, so schützt sich der Körper vor einer lokalen Erfrierung der Körperoberfläche, indem er die lokalen arteriellen Gefäße jetzt maximal erweitert. Auf diese Weise wird eine vergrößerte Kontaktfläche dieser Gefäße zum einwirkenden Kältereiz erzielt, so dass das zirkulierende, warme Blut einer Erfrierung entgegenwirken kann. [Der Moment, bei dem die Eisanwendung regelrecht weh tut, ist der Moment, an welchem die Gefäße maximal eröffnet sind]

3. Gesetz von Hunting:
Reicht die vermehrte Bereitstellung warmen Blutes nicht aus, eine lokale Erfrierung zu verhindern, schützt der Körper seinen Blutkreislauf vor einem weiteren Temperaturverlust, indem er nun die lokalen arteriellen Gefäße nicht nur wieder verengt, sondern fast vollständig verschließt und deren Versorgung einstellt. [Dies ist übrigens jener Moment, an dem der zuvor empfundene Kälteschmerz wieder nachläßt und eine Erfrierung des Gewebes beginnt. Der Körper “verzichtet” also gewissermaßen auf den erfrierenden Körperabschnitt, um wenigstens den Rest des Körpers vor der Kältewirkung zu schützen und am Leben zu halten].

Führen wir uns nun also vor Augen, welches Ziel wir mit der Eisanwendung eigentlich verfolgen sollten. Sicherlich steht für den Betroffenen zunächst die Schmerzbekämpfung im Vordergrund. Hierzu muss man wissen, dass Schmerzen verschiedene Ursachen haben können, für deren Wahrnehmung jeweils unterschiedliche Rezeptoren des Nervensystems verantwortlich sind. So findet man beispielsweise im Bereich verletzter Strukturen regelmäßig Schwellungen, die einen Druckanstieg im Gewebe zur Folge haben. Hierdurch werden Nervenfasern gereizt, die sensibel auf Druck reagieren. Der Druckanstieg führt außerdem zu einer Verengung kleinster arterieller Gefäße, der sog. Kapillaren, die für eine Versorgung des Gewebes mit sauerstoffreichem Blut verantwortlich sind. Zusätzlich wird das venöse und lymphatische System eingeengt und in seiner Fähigkeit des Rücktransportes in Herzrichtung eingeschränkt. Durch diese Reduzierung der Blutversorgung und -entsorgung sowie den Einfluß weiterer Faktoren kommt es zu einer Veränderung des PH-Wertes im Gewebe. Diese Änderung des PH-Wertes reizt wiederum andere Nervenfasern, die auf chemische Veränderungen sensibel reagieren und uns diese als Schmerz wahrnehmen lassen. Nicht weniger wichtig als die reine Schmerzreduktion ist daher eine positive Beeinflussung des Gefäßsystems durch die Eisbehandlung, zumal sich hierdurch der Heilungsprozeß beschleunigen läßt.

Mit einer gezielten Eisbehandlung können wir auf beide Systeme der schmerzweiterleitenden Nervenfasern und zugleich auf die allgemeine Gefäßversorgung positiv Einfluß nehmen.


Wie macht man es denn nun richtig?

Ganz einfach: Stellen Sie bei der Eisanwendung einfach sicher, dass sich das Gefäßsystem der verletzten Region lediglich innerhalb der ersten Reaktionsphase nach den Gesetzen von HUNTING befindet! Die verwendete Temperatur darf hier bedenkenlos sehr niedrig sein, da die zur Auslösung der ersten Gefäßreaktion erforderliche Einwirkzeit so kurz ist, dass hier keinerlei Erfrierungsgefahr besteht. Ein kurzer Kältereiz von drei bis fünf Sekunden Dauer ist absolut ausreichend, um eine Verengung der arteriellen Gefäße herbeizuführen. Eine Wiederholung dieser Anwendung kann - mit einem Intervall von mehreren Minuten - beliebig oft erfolgen.

Um den gewünschten Effekt zu erreichen, müssen Sie keinen teuren Eisbeutel aus der Apotheke verwenden. Diese sind in der Regel ohnehin qualitativ minderwertig, weil sie Falten werfen und hierdurch keinen gleichmäßigen Kontakt zur Körperoberfläche gewährleisten. Zudem sind diese Eisbeutel nicht besonders haltbar und verursachen oft häßliche Flecken, wenn sie beschädigt werden. Viel einfacher und wirkungsvoller ist eine kurze und schnelle Abreibung mit einem Eiswürfel. Noch effektiver ist es, wenn Sie ein zuvor kurz im Gefrierfach in einer Plastiktüte heruntergekühltes, klatschnasses Frotteehandtuch geschmeidig um die Region des verletzten Gewebes legen. Feuchte Kälte hat eine besonders intensive Wirkung, selbst wenn sich die effektive Temperatur dicht oberhalb des Gefrierpunktes befinden sollte. In beiden Fällen sollten Sie die Anwendung herzfern beginnen und nach herznah auslaufen lassen.


Wie muss man sich die Wirkungsweise
dieser Anwendung vorstellen?

Durch den sehr intensiven Kältereiz kommt es zu einer augenblicklichen Verengung der arteriellen Gefäße in der verletzten Region. Diese Verengung führt zu einer Reduzierung des Gewebsdruckes, so dass die auf erhöhten Druck sensibel ansprechenden Nervenfasern weniger Informationen an das entsprechende Schmerzinformationszentrum im Gehirn senden. Gleichzeitig führt die Verengung der Arterien zu einem Anstieg der Fliessgeschwindigkeit innerhalb dieser Gefäße, der Gefäßinnendruck steigt also an. Dieser Druckanstieg hat zur Folge, dass das System der kleinen Kapillargefäße, welches zuvor durch den schwellungsbedingten Gewebsdruck an einer normalen Durchblutung gehindert war, wieder besser mit sauerstoff- und nährstoffreichem Blut versorgt werden kann. Hierdurch verbessert sich augenblicklich der PH-Wert innerhalb des verletzten Gewebes, so dass auch die auf chemische Reize sensibel reagierenden Nervenfasern weniger stark gereizt werden. Gleichzeitig verhilft die verbesserte arterielle Durchblutung dem sich hieran anschließenden venösen und lymphatischen System zu einem besseren Abtransport in Herzrichtung, so dass der allgemeine Heilungsprozeß beschleunigt ablaufen kann. Die Wirkung dieser Maßnahme läßt sich durch eine Hochlagerung des betroffenen Körperabschnittes (oberhalb von Herzhöhe) und ggf. eine leichte Kompression (hierzu vorher bitte Ihren behandelnden Arzt oder Therapeuten konsultieren, da eine Kompression in manchen Fällen nicht ratsam ist) zusätzlich unterstützen, da der Einfluß der Schwerkraft einen besseren Abtransport innerhalb des venösen und lymphatischen Systems zur Folge hat.


Was passiert bei einer fehlerhaft
durchgeführten Eisbehandlung?

Das klassische Beispiel einer nicht fachgerecht durchgeführten Eisbehandlung hat fast jeder Patient nach einer Gelenkoperation im Krankenhaus am eigenen Körper erleben dürfen: Die Krankenschwester bringt einen in einen Kopfkissenbezug eingewickelten Eisbeutel, legt ihn auf das betroffene Gelenk und läßt ihn dort so lange liegen, bis er die Körpertemperatur des Patienten angenommen hat oder durch einen neuen Eisbeutel ausgewechselt wird.

Unbestreitbar hat diese Maßnahme eine Schmerzreduktion zur Folge, denn es kommt unter dem Einfluß der Kälte zu einer herabgesetzten Aktivität der schmerzweiterleitenden Nervenfasern. Das arterielle System des verletzten Gewebes befindet sich bei dieser Form der Einbehandlung allerdings längerfristig innerhalb der zweiten Reaktionsphase von HUNTING. Hierdurch wird insbesondere die Nährstoffversorgung der Gewebszellen eingeschränkt, da der herabgesetzte Druck innerhalb der Arterien das durch die lokale Schwellung komprimierte Kapillarnetz nicht ausreichend zu versorgen vermag. Die Arterien sind maximal erweitert und tragen somit durch ihr vergrößertes Volumen selbst zusätzlich zu einer allgemeinen Druckerhöhung im Gewebe bei. Hierdurch werden Venen und Lymphgefäße in ihrem Abfluß zusätzlich behindert, so dass diese vermehrt Flüssigkeit verlieren und an das umgebende Gewebe abgeben. Ein Teufelskreis, der durch die längerfristige Eiseinwirkung zementiert wird!

Neben diesen zahreichen Negativeinflüssen auf den Heilungsprozeß gilt eine mittel- bis längerfristige Schädigung des lymphatischen Systems durch den Einfluß von Langzeit-Eisbehandlungen inzwischen als wissenschaftlich gesicherte Erkenntnis. Für den Vorteil einer kurzfristigen Schmerzreduktion muss man hier also im ungünstigsten Fall den Nachteil eines bleibenden Schadens in Kauf nehmen.

Natürlich ist es wichtig, dass der Patient dennoch eine schmerzlindernde Eisbehandlung bekommt. Diese sollte dann jedoch entweder nach der oben beschriebenen Methode der Kurztzeit-Kälteanwendung erfolgen oder aber mit einer abgeschwächten Form der längerfristig anwendbaren Kältebehandlung, bei welcher die Temperatur oberhalb von +7°C liegen sollte. Bei Temperaturen in diesem Bereich ist nicht mit den oben beschriebenen Problemen zu rechnen.


Fazit:

Eisbehandlung ist sicherlich eine sinnvolle Maßnahme zur unterstützenden Behandlung verletzungsbedingter oder post-operativer Schädigungen. Zielsetzung sollte nicht nur eine Reduktion bestehender Schmerzen, sondern insbesondere eine positive Beeinflussung der arteriellen, venösen und lymphatischen Gefäßsysteme sein, um so einen möglichst optimalen Heilungsprozeß zu gewährleisten. Die Anwendung von Eis sollte stets unter Beachtung wissenschaftlich begründeter Standards erfolgen, um eine optimale Wirkung zu erzielen und sekundäre Schädigungen zu vermeiden.

Michael Lierke
Physiotherapeut, Schwalbach am Taunus

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